Der bestehende Absatz „Kreislaufwirtschaft sichert unsere Rohstoffe“ begründet Kreislaufwirtschaft überzeugend mit Unabhängigkeit: Wer Rohstoffe aus Produkten, Gebäuden und Anlagen zurückgewinnt, macht NRW weniger abhängig von unsicheren Weltmärkten, geopolitischen Konflikten und wenigen Lieferländern. Dieses Argument bleibt unverändert und trägt auch die vorgeschlagene Ergänzung.
Bislang bleibt die Kreislaufwirtschaft im Programm jedoch bei der Absicherung stehen. Dass sie zugleich ein Innovationstreiber ist und neue Wirtschaftszweige ermöglicht, führt das Kapitel nicht aus. Dabei nennt der Programmentwurf an anderer Stelle die Kreislaufwirtschaft als eines der Felder, auf die sich die Innovationspolitik des Landes konzentriert, und bezeichnet die Unternehmen der Kreislaufwirtschaft in NRW als „international Vorreiter“. Die Ergänzung verbindet diese Aussagen mit dem Kapitel und macht aus der Absicherung auch eine wirtschaftliche Chance.
Kreislaufwirtschaft ist technologisch anspruchsvoll. Die Stoffströme werden komplexer, etwa durch Verbundmaterialien, Mischkunststoffe oder Batterien. Wer diese Stoffströme wirtschaftlich beherrscht, gewinnt einen Technologievorsprung, den er weltweit anbieten kann. NRW hat dafür sehr gute Voraussetzungen: Verfahrenstechnik, tiefes Produktions-Know-how und eine Industrie, die komplexe Prozesse im großen Maßstab beherrscht. NRW ist der bedeutendste Chemiestandort Deutschlands mit über 500 Unternehmen und rund 100.000 Beschäftigten, und die Bauwirtschaft verursacht mit rund 40 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfällen pro Jahr den größten Abfallstrom des Landes (Kreislaufwirtschaftsstrategie NRW, Kap. 4.1 und 4.2). Damit gibt es in NRW einen großen Heimatmarkt, auf dem sich neue Technologien entwickeln und erproben lassen.
Weltmarktführerschaft ist dabei kein Selbstzweck, sondern die logische Folge dieser Stärken. Die Aufgabe, Rezyklate hochwertig zu nutzen und aus komplexen Stoffströmen wieder Rohstoffe zu gewinnen, stellt sich überall, wo Rohstoffe knapp und Abfallmengen groß sind. Wer dafür die effizientesten Verfahren entwickelt, kann sie exportieren. Der Programmentwurf formuliert diesen Anspruch bereits für andere Felder, etwa „klimaneutraler Stahl Made in NRW“ und die „Leitregion“ für industrielle KI-Anwendung. Beim Thema Kreislaufwirtschaft bleibt er bisher bei der Leitregion in Europa stehen. Der Antrag überträgt den Anspruch auf die Technik der Kreislaufwirtschaft und denkt sie als Exportprodukt.
Kreislaufwirtschaft bietet Start-ups ein breites Feld, von Sortier- und Sensortechnik über neue Recyclingverfahren bis zu datenbasierten Dienstleistungen. Etablierte Chemie-, Stahl- und Maschinenbauunternehmen haben die Erfahrung, Verfahren zu skalieren und in Anlagen zu bringen. Der Programmentwurf will Mittelstand und Start-ups gezielter zusammenbringen und die branchenübergreifende Zusammenarbeit betonen, die durch Kreislaufwirtschaft entstehen kann. Kreislaufwirtschaft ist dafür ein sehr konkretes Anwendungsfeld, in dem aus Zusammenarbeit neue Wertschöpfung in NRW entsteht.
Dass sich Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich noch nicht überall trägt, liegt weniger an fehlender Technik als an den Rahmenbedingungen. Die Kreislaufwirtschaftsstrategie des Landes stellt selbst fest, dass es speziell für hochwertige Kunststoffrezyklate „bislang an verlässlicher Nachfrage und entsprechender Planungssicherheit für Investitionen“ fehlt (Kap. 4.2). Der Workshop der LAG Wirtschaft zur Kreislaufwirtschaft am 12.09.2026 in Wuppertal hat in allen drei Themenfeldern (Chemie, Energie/Rechenzentren, Bauen) dasselbe Muster gezeigt: der Preisabstand zwischen Primär- und Sekundärrohstoffen sowie fehlende Verlässlichkeit von Nachfrage und politischen Vorgaben. Investitionen in neue Verfahren brauchen deshalb langfristig stabile Regeln und Anreize, die sich rechnen. Steuern und Abgaben liegen überwiegend in der Zuständigkeit von Bund und EU. Der Antrag formuliert dort einen klaren Einsatz und verknüpft ihn mit dem, was das Land selbst gestalten kann: der Landesförderung.
Die Ergänzung stärkt die Aussage des Kapitels, ohne sie zu ersetzen. Sie ergänzt das Argument der Unabhängigkeit um das der Innovationskraft und zeigt Kreislaufwirtschaft als Chance, aus der industriellen Stärke des Landes neue Wirtschaftszweige und eine Spitzenposition auf dem Weltmarkt zu entwickeln. Um dies stärker abzubilden schlagen wir als LAG Wirtschaft NRW in einem separaten ÄA auch eine Ergänzung der Kapitelüberschrift um die Aspekte Innovations- und Wirtschaftskraft vor.