Am Anfang des Gesundheitskapitels wird zutreffenderweise ausgeführt, dass Armut krank macht und Krankheit arm und dass Gesundheitsversorgung nicht davon abhängen darf.
Danach folgt aber praktisch nichts, um dieses prominent gesetzte Postulat mit Inhalt zu füllen. Es fehlen auch Bezüge zu konkreten Instrumenten der Landespolitik.
Im ganzen Gesundheitskapitel werden Menschen ohne Krankenversicherungsschutz nicht angesprochen. Dabei sind die Clearingstellen und der Anonyme Krankenschein wichtige Ansatzpunkte, um wirklich allen Menschen Krankenversicherungsschutz zu bieten. Und auch etwas, auf das wir stolz sein können.
Obdachlose werden bisher nicht einmal erwähnt, obwohl sie gerade in den Großstädten ein erhebliches soziales und gesundheitliches Problemfeld darstellen, das nur in Kombination gelöst werden kann.
Obdachlosigkeit ist tödlich, allein in Köln sind dieses Jahr schon ein halbes Dutzend Menschen auf der Straße gestorben. Die Lebenserwartung Betroffener liegt bei nur 50 Jahren. Obdachlosigkeit ist damit die tödlichste Form von Armut.
Obdachlose und andere Menschen ohne Krankenversicherungsschutz befinden sich in einem Teufelskreis, dem man nur mit einer Kombination von niedrigschwelligen/aufsuchenden Angeboten sowie der Chance auf Aufnahme in die Regelversorgung entkommen kann. Nur so können ihre Gesundheitsprobleme nachhaltig gelöst werden. Hierfür braucht es auch ein zuverlässigeres Entlassmanagement, Kranken- und Clusterwohnungen.
Das alles mag kurzfristig mehr Geld kosten, führt langfristig aber durch Vermeidung von Remissionen, unnötigen Notfallbehandlungen und Operationen zu Einsparungen im Gesundheitssystem. Es ist unsere Aufgabe, dies selbstbewusst und fachlich belegt aufzuzeigen.
Gleichberechtigter Zugang zur Gesundheitsversorgung erfordert zudem neben allgemeinen Angeboten auch spezialisierte Strukturen, die besondere Bedarfe und Zugangsbarrieren berücksichtigen. Der Aktionsplan des Bundesgesundheitsministeriums für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen benennt hierfür konkrete Maßnahmen. Dazu gehören die Stärkung Sozialpädiatrischer Zentren und Medizinischer Behandlungszentren für Erwachsene mit Behinderungen sowie längere Ermächtigungszeiträume zur Verbesserung der Planungssicherheit. (1)
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Versorgung trans Personen in Deutschland beschreibt fehlende fachliche Expertise, lange Wartezeiten, weite Anfahrtswege und Diskriminierung als Versorgungshindernisse. (2) Für ältere Menschen empfiehlt die WHO eine personenzentrierte, koordinierte Versorgung, die medizinische Behandlung mit Pflege und sozialer Unterstützung verbindet. (3)
Unser Änderungsantrag als fachlich zuständige LAG überführt diese besonderen Bedarfe in einen übergreifenden Auftrag für Versorgungserhalt und -ausbau. Maßstab sind Bedarf, Qualität und Erreichbarkeit, nicht der unveränderte Erhalt jeder Einrichtung. Gerade bei spezialisierten oder einzigartigen Angeboten muss vor einem Wegfall geprüft werden, ob tatsächlich eine gleichwertige Versorgung verfügbar ist. Verlässliche Strukturen sollen Behandlungsabbrüche und zusätzliche Zugangsbarrieren vermeiden und Betroffenen sowie Angehörigen Planungssicherheit geben.
Quellenverzeichnis
- Bundesministerium für Gesundheit. Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen [Internet]. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit; 2024 [zitiert am 29. Oktober 2026]. Verfügbar unter:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/A/Aktionsplan/Aktionsplan_barrierefreies_Gesundheitswesen_2024.pdf[bundesgesundheitsministerium][bundesgesundheitsministerium] - Guethlein N, Grahlow M, Lewis CA, Bork S, Habel U, Derntl B. Healthcare for trans*gender people in Germany: gaps, challenges, and perspectives. Front Neurosci. 2021;15:718335. doi:10.3389/fnins.2021.718335. Verfügbar unter:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34557067/[pubmed.ncbi.nlm.nih] - World Health Organization. Integrated care for older people (ICOPE): guidance for person-centred assessment and pathways in primary care. 2nd ed [Internet]. Geneva: World Health Organization; 2025 [zitiert am 29. Oktober 2026]. Verfügbar unter:
https://www.who.int/publications/i/item/9789240103726[who]