(OV Bergheim MV tagt am 23.10.2026)
Schule ist mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie ist ein zentraler Lebensraum junger Menschen, in dem sie Beziehungen gestalten, Konflikte bewältigen, Verantwortung übernehmen und ihre Persönlichkeit entwickeln. Psychische Gesundheit, emotionale und soziale Kompetenzen sowie die Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln sind dafür ebenso wichtig wie fachliches Wissen. Sie dürfen deshalb nicht vom Elternhaus, dem Engagement einzelner Lehrkräfte oder zufällig verfügbaren Angeboten abhängen.
Die Notwendigkeit einer systematischen Stärkung dieser Kompetenzen ist wissenschaftlich belegt. Der DAK-Kinder- und Jugendreport für Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2026 dokumentiert anhaltend hohe psychische Belastungen. Bei 15- bis 17-jährigen Mädchen stiegen die Behandlungszahlen aufgrund von Angststörungen zwischen 2019 und 2024 um 57 Prozent. Auch Depressionen und Essstörungen bleiben auf einem erhöhten Niveau. Die Jugendbefragung 2024/25 des Gesundheitsamts Rhein-Erft-Kreis bestätigt den Handlungsbedarf vor Ort: 49 Prozent der befragten Jugendlichen wünschen sich, dass Mobbing, Diskriminierung und aggressives Verhalten häufiger in der Schule thematisiert werden. 20 Prozent fühlen sich häufig durch schulische Leistungen unter Druck gesetzt. Die Ergebnisse machen deutlich, dass es sowohl um die Prävention psychischer Erkrankungen als auch um die Gestaltung eines gesunden sozialen Miteinanders geht.
Nordrhein-Westfalen verfügt bereits über wertvolle Präventionsangebote und fachliche Expertise. Das Landesprogramm „Bildung und Gesundheit“, Programme wie „MindMatters“, „Verrückt? Na und!“ und „Lions-Quest“ sowie Angebote von Initiativen wie Kopfsachen e.V. zeigen unterschiedliche Wege auf, psychische Gesundheitskompetenz, Resilienz und soziales Lernen zu fördern. Hinzu kommen Schulsozialarbeit, schulpsychologische Dienste, Angebote der Jugendhilfe, kommunale Gesundheitsförderung und zahlreiche schulische Einzelinitiativen. Diese Arbeit ist unverzichtbar und verdient Anerkennung. Gleichzeitig sind viele Angebote als Projekte, Workshops, zeitlich begrenzte Maßnahmen oder freiwillige Schulentwicklungsbausteine organisiert. Ihre Nutzung und kontinuierliche Verankerung hängen damit auch von regionalen Strukturen, verfügbaren Mitteln und personellen Kapazitäten ab.
Wir wollen diesen Flickenteppich nicht durch weitere Einzelmaßnahmen ergänzen, sondern die vorhandenen Kompetenzen und bewährten Konzepte in einem verbindlichen schulischen Rahmen zusammenführen. Ein eigenständiges Fach in der Sekundarstufe I schafft kontinuierlich Zeit und Raum für emotionale und soziale Entwicklung, Selbstmanagement und ethisches Lernen. Es ermöglicht, bestehende Präventionsangebote sinnvoll miteinander zu verzahnen, Wissen nachhaltig aufzubauen und die Erfahrungen unterschiedlicher Fachrichtungen in die Unterrichtsgestaltung einzubeziehen.
Ein solches Fach soll jungen Menschen die Möglichkeit geben, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, persönliche Grenzen zu erkennen, mit Stress und Krisen umzugehen und rechtzeitig Unterstützung zu suchen. Gleichzeitig braucht es Raum, um Teamarbeit praktisch einzuüben, konstruktiv zu kommunizieren, Konflikte zu lösen und demokratische Entscheidungsprozesse zu erleben. Ethisches Lernen eröffnet die Auseinandersetzung mit Fragen nach Verantwortung, Gerechtigkeit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und einem respektvollen Umgang miteinander. Die Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und außerschulischen Fachkräften ermöglicht dabei Begegnungen mit unterschiedlichen Perspektiven, vermittelt Wissen über Unterstützungsangebote und stärkt gegenseitiges Verständnis. So werden Lebenskompetenzen nicht nur theoretisch behandelt, sondern im schulischen Miteinander praktisch erprobt.
Auch die Weiterentwicklung unserer Bildungslandschaft macht diese Kompetenzen zunehmend bedeutsam. Mit der Reform der gymnasialen Oberstufe in NRW, dem fünften Abiturprüfungsfach, Präsentationsprüfungen, Projektkursen und gleichwertigen komplexen Leistungsnachweisen gewinnen selbstständiges Arbeiten, Reflexionsfähigkeit, Selbstorganisation und Zusammenarbeit an Bedeutung. Gerade Gruppenleistungen setzen voraus, dass Schüler*innen Verantwortung verteilen, unterschiedliche Perspektiven aushalten, Konflikte bearbeiten und gemeinsam Lösungen entwickeln können. Diese Fähigkeiten dürfen nicht erst dann erwartet werden, wenn sie prüfungsrelevant werden. Sie brauchen frühzeitige Übung und Entwicklungsmöglichkeiten. Zugleich sind sie unabhängig vom späteren Bildungsweg grundlegende Voraussetzungen für Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe.
Das Fach soll auch Schulen und Beschäftigten einen verlässlichen Rahmen bieten. Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Dienste begegnen im Alltag zunehmend komplexen emotionalen und sozialen Herausforderungen. Das Deutsche Schulbarometer 2026 zeigt, wie stark Lehrkräfte insbesondere durch Schwierigkeiten im sozialen Miteinander gefordert sind. Ein gemeinsamer curricularer Rahmen kann Zuständigkeiten klären, die Zusammenarbeit zwischen den Professionen verbessern, fachliche Kompetenzen bündeln und Schulen bei der Entwicklung tragfähiger Präventionskonzepte unterstützen. Er schafft Möglichkeiten, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen, Handlungssicherheit zu gewinnen und Unterstützung gezielt einzubinden. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Lehrkräfte zu therapeutischen Fachkräften zu machen oder bestehende Beratungs- und Hilfesysteme zu ersetzen.
Damit das neue Fach sein Potenzial entfalten kann, braucht es eine Entwicklung gemeinsam mit Schulen, Schüler*innen, pädagogischen Fachkräften, Jugendhilfe, Schulpsychologie und weiteren qualifizierten Partnern. Notwendig sind verlässliche personelle und zeitliche Ressourcen, fachliche Qualifizierung und eine bürokratiearme Umsetzung. Vorhandene bewährte Konzepte sollen genutzt statt neue Parallelstrukturen geschaffen werden. Die Einführung muss so gestaltet werden, dass sie den Schulalltag strukturell stärkt und nicht zu einer weiteren Überlastung führt.
Psychische Belastungen enden nicht mit der Schulzeit. Unzureichend aufgefangene psychische Erkrankungen und soziale Schwierigkeiten können Bildungswege, Ausbildungs- und Berufsperspektiven sowie die gesellschaftliche Teilhabe langfristig beeinträchtigen. Ihre Folgen betreffen nicht nur die einzelnen Menschen und ihre Familien, sondern auch unser Gesundheits- und Sozialsystem, die Arbeitswelt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die frühzeitige Förderung psychischer Gesundheit und sozialer Lebenskompetenzen ist deshalb eine Investition in Chancengerechtigkeit, Prävention und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit.
Mit einem eigenständigen Fach wollen wir diesen Aufgaben endlich den Raum geben, den sie verdienen: verbindlich, fachlich fundiert, gemeinsam gestaltet und für alle Schüler*innen zugänglich.