| Veranstaltung: | Landesdelegiertenkonferenz 20./21. Juni 2026 in Troisdorf |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 8. Verschiedenes |
| Status: | Beschluss |
| Beschluss durch: | Landesdelegiertenkonferenz |
| Beschlossen am: | 20.06.2026 |
| Antragshistorie: | Version 2 |
Bildungsgerechtigkeit jetzt! Für ein solidarisches, inklusives und zukunftsfähiges Bildungssystem in NRW
Beschlusstext
Der Zustand des Bildungssystems in Nordrhein-Westfalen und bundesweit ist seit
Jahren von strukturellen Problemen geprägt, die sich zunehmend verschärfen.
Schulen arbeiten vielerorts am Limit: Es fehlt an Lehrkräften,
Schulsozialarbeiter*innen, Sonderpädagog*innen. Unterricht fällt regelmäßig aus
oder wird fachfremd vertreten. Gleichzeitig lernen viele Schüler*innen in
maroden Gebäuden mit sanierungsbedürftigen Klassenräumen, unzureichender
digitaler Ausstattung und fehlenden Rückzugs- sowie Fördermöglichkeiten.
Besonders alarmierend ist, dass Bildungserfolg in Deutschland weiterhin massiv
von den Eltern abhängt. Kinder aus einkommensarmen Familien, aus migrantischen
Haushalten oder mit Unterstützungsbedarf haben deutlich schlechtere Chancen auf
höhere Bildungsabschlüsse und gesellschaftliche Teilhabe. Statt soziale
Ungleichheiten auszugleichen, reproduziert das bestehende Schulsystem diese oft
bereits ab der Grundschule. Die frühe Aufteilung auf unterschiedliche
Schulformen verstärkt soziale Selektion und verhindert echte Chancengleichheit.
Hinzu kommen die Folgen jahrelanger Unterfinanzierung: Viele Schulen verfügen
nicht über ausreichend Personal für Inklusion, psychologische Unterstützung oder
individuelle Förderung. Gerade nach den Belastungen der Corona-Pandemie zeigen
sich Lernrückstände, psychische Belastungen und soziale Probleme vieler junger
Menschen besonders deutlich. Dennoch fehlt es weiterhin an nachhaltigen
politischen Antworten und ausreichenden Investitionen.
Dabei sind gerade Investitionen in die frühkindliche Bildung von enormer
Bedeutung, denn die qualitativ hochwertige, an der Entwicklung der Kinder
orientierte frühkindliche Bildung ist entscheidend für den weiteren
Bildungsverlauf von Kindern und das Vertrauen in Institutionen. Jeder Euro für
die Kitas ist gut angelegt. Eine entscheidende Voraussetzung für
Bildungsteilhabe ist Sprachkompetenz. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass
Kinder im Vorschulalter durch Beziehung, Alltag und Spiel lernen und
alltagsintegrierte Sprachförderung das Mittel der Wahl ist. Alltagsintegrierte
Sprachförderung findet ab dem ersten Tag in der Kita statt – und nicht erst im
letzten Jahr vor der Einschulung. Entscheidend für den Lernerfolg sind dabei die
Rahmenbedingungen, wie stabile Beziehungen zu Bezugspersonen, inklusive Konzepte
und die räumliche Situation. Wir müssen alles dafür tun, über die frühkindliche
Bildung Benachteiligungen möglichst früh zu begegnen und auszugleichen. Der
beste Ort dafür ist die Kita als Bildungsort. Hier werden neben sprachlichen
auch sozial-emotionale und motorische Kompetenzen vermittelt und damit die
Grundlagen für den weiteren Bildungs- und Lebensweg gelegt. Wir wollen daher
alles dafür tun, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, mehrjährig eine Kita zu
besuchen.
Auch die Digitalisierung wurde vielerorts verschlafen. Noch immer mangelt es an
funktionierender technischer Infrastruktur, zeitgemäßen Lernkonzepten und
entsprechender Fortbildung für Lehrkräfte. Gleichzeitig werden Schulen zunehmend
mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie wachsender Armut,
Demokratiefeindlichkeit, Rassismus, Antifeminismus und den Folgen der Klimakrise
konfrontiert, ohne dafür ausreichend ausgestattet zu sein.
Ein Bildungssystem, das vom Engagement Einzelner abhängt, statt allen Kindern
unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Wohnort die gleichen Chancen zu
garantieren, wird seinem gesellschaftlichen Auftrag nicht gerecht. Deshalb
braucht es eine grundlegende Neuausrichtung hin zu einem solidarischen,
inklusiven und zukunftsfähigen Bildungssystem, das Förderung statt Auslese in
den Mittelpunkt stellt.
Die LDK möge beschließen:
Wir als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN NRW setzen uns gemeinsam für eine umfassende
Transformation des Bildungssystems ein, die soziale Gerechtigkeit,
Chancengleichheit und individuelle Förderung ins Zentrum stellt. Bildung ist ein
Grundrecht, kein Privileg. Wir nehmen es nicht hin, dass der Bildungserfolg in
Nordrhein-Westfalen weiterhin stark von Vermögen, Einkommen und Wohnort abhängt
und setzen hier an.
1. Schule gerechter gestalten
- Längeres gemeinsames Lernen an allen Schulformen ermöglichen, indem alle
Schulformen zu einem ersten Abschluss führen
- Vertiefung der qualifizierten Bewertung durch die Fachkräfte in der
Primarstufe und Einführung weiterer alternativer Bewertungsformen in allen
Schulformen
- Konsequente Umsetzung von Inklusion mit ausreichender personeller und
finanzieller Ausstattung durch Etablierung von MPT-Kräften an allen
Schulen in NRW
- Kostenfreie analoge und digitale Lernmittel und Infrastruktur für alle
Schüler*innen durch das Land NRW
- First und Second Level Support an allen Schulen durch das Land NRW; z.B.
durch Schulverwaltungsangestellte (SVTA)
- Systematischer Abbau struktureller Hürden ins frühe Bildungssystem, damit
für alle Kinder der Rechtsanspruch auf frühe Bildung und einen
mehrjährigen Besuch in Kindertageseinrichtungen und herkunftsunabhängiger
Bildungserfolg sichergestellt werden kann. Ausreichend Kita-Plätze und
mehr Personal, u.a. für alltagsintegrierte Sprachförderung in den
Kindertageseinrichtungen und Schulen, sind dafür zentral.
- Eine gute Ausstattung eines frühen Bildungssystems, das die psychische
Gesundheit und Entwicklung von Kindern in den Vordergrund stellt,
emotionalen Stress und Lernblockaden verhindern soll und Schulen
entlastet. Ziel muss ein inklusives Bildungssystem ohne segregierende
Maßnahmen sein, das alle Kinder von Anfang an gemeinsam fördert und ihnen
einen guten Start in ihre Bildungslaufbahn ermöglicht.
2. Soziale Ungleichheiten abbauen
- Einführung eines Bildungsfonds für Schulen mit einem Schulsozialindex, der
die Stufe fünf überschreitet
- Kostenlose Verpflegung in Schulen (Frühstück und Mittagessen)
- Ausbau von Schulsozialarbeit und Sicherstellung von mindestens 2
Schulsozialarbeiter*innen an allen Schulen
- Vereinfachte Beantragung von BuT-Mitteln durch Fachkräfte an Schulen im
Namen der Erziehungsberechtigten
3. Demokratiebildung und Mitbestimmung
- Ausbau politischer Bildung und Förderung der Demokratiebildung
4. Bildung nachhaltig denken
- Verankerung von Bildung für ökologische, antirassistische sowie Queere
Bildung und Aufklärung in den Lehrplänen
- Klimagerechte Sanierung von Schulgebäuden
- Förderung von Projekten zu Umwelt- und Klimaschutz an Schulen
5. Autonomie der Schulen stärken - Rolle der Schulaufsicht neu bestimmen
Mit der im Programm "Schulkompass 2030" festgelegten datengestützten
Schulentwicklung erhalten Schulen zukunftsweisende Instrumente zur
Weiterentwicklung ihrer Konzepte unter den je individuellen Rahmenbedingungen.
Die von den Schulen erbrachten Leistungen wie auch die Entwicklungsbedarfe
können dadurch perspektivisch klarer fokussiert werden. Dieses Potential muss
flankiert werden durch eine deutlich erhöhte Autonomie der Schulen in Fragen der
pädagogisch-didaktischen Konzepte, der Personalbewirtschaftung etc. Je klarer
die zu erreichenden Standards formuliert sind, desto mehr Freiheit muss den
Schulen bei der Frage gewährt werden, WIE diese Standards erreicht werden. Damit
ändert sich auch die Rolle der Schulaufsicht fundamental: Die passgenaue
Unterstützung und Begleitung der Schulen ersetzt die Kontrolle der Einhaltung
von Vorgaben.
6. Starke Schulleitung als Voraussetzung für gute und bildungsgerechte Schule
Die Rolle von Schulleitung im Hinblick auf Qualitätsentwicklung von Schule ist
unbestritten. Um dieser Rolle gerecht zu werden, müssen Schulleiter*innen bzw.
Schulleitungsteams konsequent gestärkt werden.
Hierzu gehören insbesondere eine deutlich erhöhte Leitungszeit verbunden mit
mehr Autonomie in Fragen der Unterrichts- und Personalentwicklung sowie der
Stellenbewirtschaftung. Darüber hinaus sind eine kontinuierliche Begleitung und
Unterstützung, beispielsweise durch Coaching oder Supervision, erforderlich.
Ein gerechtes Bildungssystem ist die Grundlage für eine demokratische,
solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft. Derzeit reproduziert das
Bildungssystem in NRW soziale Ungleichheiten, statt sie abzubauen. Kinder aus
einkommensschwachen Familien haben deutlich geringere Chancen auf höhere
Bildungsabschlüsse. Gleichzeitig stehen Schulen vor großen Herausforderungen
durch Personalmangel, marode Infrastruktur und unzureichende Digitalisierung.
Als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN NRW fordern wir eine mutige Neuausrichtung der
Bildungspolitik: weg von Selektion und Leistungsdruck, hin zu individueller
Förderung, echter Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Bildung muss
empowern, nicht aussortieren.
Nur mit einem inklusiven und gut ausgestatteten Bildungssystem können wir allen
jungen Menschen in NRW die gleichen Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben
ermöglichen.
Für eine Bildungspolitik, die niemanden zurücklässt.